
Der Tag, an dem die Niere schwieg
20. Januar 2025
Wir hatten gerade Silvester hinter uns, haben angestoßen und uns ein tolles, gesundes neues Jahr gewünscht. Daraus sollte wohl dieses Jahr nichts werden.
Ich bin 53 und arbeite als OP-Schwester in einer kleinen Klinik in Niedersachsen. Ich kenne den Laden also von innen, und normalerweise haut mich so schnell nichts um.
Ein ganz normaler Montag... dachte ich.
Ich stand im OP, alles Routine. Aber da war dieses Druckgefühl in der linken Flanke. Erst dachte ich: „Ach, das geht schon weg.“ Aber nix da. Es wurde immer stärker. Irgendwann wusste ich nicht mehr, ob ich stehen oder sitzen soll.
Ich hab dann eine unserer Ärztinnen gefragt: „Du, kannst du mal kurz mit dem Ultraschall schauen? Da stimmt was nicht.“
Und dann kam’s: Die linke Niere war gestaut. Kindskopfgroß.
Da rutscht einem erstmal das Herz in die Hose. Sofort ab zum CT, Blutabnahme, Notaufnahme. Und wie das so ist: Die Bude war rappelvoll. Ich hab eine Liege auf dem Flur bekommen, schön „gemütlich“ vor dem Fahrstuhl, zusammen mit drei anderen Patienten. Na super.
Ich sag nur: „Danke Mitarbeiter-Card!“ Die Schwestern waren zwar im Stress (kenn ich ja nur zu gut), aber als die CT-Bilder da waren, gab’s endlich die langersehnte Schmerzinfusion. Mittlerweile konnte ich kaum noch liegen vor Schmerzen.
Der Befund
Computertomografie des Abdomens nativ vom 20.01.2025 (16:59 Uhr)
Beurteilung li.: Massive Stauung des li. Nierenbecken und linke Nierenkelche.
Linker Harnleiter nicht erweitert.
Nativdiagnostisch kein Hinweis auf einen Tumor.
Wenigstens nichts Bösartiges!!! Das war der erste Gedanke. Aber die Niere war dicht.
Der Arzt hat alle Kliniken mit Urologie in der Nähe abtelefoniert, aber leider gab es keine Möglichkeit, mich zu verlegen. Keiner hatte Platz. Also blieb ich erstmal hier, Schmerzmittel rein, Nacht überstehen. Am nächsten Morgen sollte es in eine Klinik mit einer urologischen Abteilung gehen, die 1,5 Stunden Fahrt entfernt war, wo ich ambulant eine „DJ-Schiene“ bekommen sollte.
Klingt wie Musik, ist aber ein Schlauch im Harnleiter. Juhu.
DJ Schiene: Klingt wie Party, ist aber keine
21. Januar 2025

Am nächsten Morgen ging es also in die Urologie zur ambulanten OP. Ich sollte eine „DJ Schiene“ bekommen. Das klingt für Laien vielleicht wie ein cooler Act im Club, ist aber tatsächlich ein Doppel-J-Katheter – ein dünner Schlauch, der von der Niere in die Blase führt, um den Urin am Hindernis vorbei zu leiten.
Der Krankentransport war super, ich kannte das Team sogar (Kleinstadt halt). In der Notaufnahme ging es auch fix. Ein sehr netter Arzt hat mich aufgeklärt, und dann hieß es: Warten.
Wieder eine Liege auf dem Flur. Umziehen durfte ich mich netterweise auf der Personaltoilette. Dann der modische Höhepunkt eines jeden Klinikaufenthalts: Flügelhemd und Netzhose. Ein Traum in Weiß.
Mit Propofol ist alles schön
Geplant war der Eingriff (Cystoskopie) eigentlich ohne Narkose. Aber zum Glück war die Anästhesie „stand-by“. Und was soll ich sagen: Ohne ging es natürlich nicht. Danke, liebe Schwester Gitty! Mit Propofol ist die Welt einfach kurz mal in Ordnung. Man schläft ein, wacht auf, und es ist vorbei. Zumindest der Teil.
Nach der OP wurde ich wieder auf den Flur geschoben. „Noch etwas ausruhen“, hieß es. Pustekuchen. Neben mir lag eine ältere, demente Dame. Sie wusste nicht, wo sie war, warum sie da war, und sie wollte nur eins: Nach Hause.
Sie hat gerufen. Geschrien. Am Bettgitter gerüttelt. Immer hysterischer. Niemand konnte sie beruhigen. Es war kaum auszuhalten, weder für sie noch für mich. Nach 45 Minuten habe ich kapituliert. Ich habe meinen Mann angerufen: „Hol mich hier raus.“

Ich hab mir auf dem Flur meine Sachen angezogen und wollte nur noch weg. Die Blase hat gebrannt wie Feuer. Es fühlte sich an, als ob ich mich die ganze Zeit einnässen würde (was dank der Schiene ein normales Gefühl ist, aber macht es nicht besser). Zum Abschluss wurde noch schnell der Zugang gezogen, Papiere in die Hand gedrückt, und ab zum Ausgang.
Wir nehmen keine Patienten mehr an
Der Arzt in der Klinik hatte mir noch einen gut gemeinten Rat gegeben: „Suchen Sie sich einen niedergelassenen Urologen in der Nähe für die Kontrolle.“
Kein Problem, dachte ich. Haha.
Noch auf der Rückfahrt habe ich zwei, drei Praxen angerufen. Die Antwort war immer die gleiche, mal freundlich, mal weniger: „Wir nehmen keine neuen Patienten an.“
Super. Da stehst du nun mit deiner Schiene, Schmerzen und der Frage: Und nun?


Alle 5 Minuten
An den restlichen Tag erinnere ich mich kaum. Ich weiß nur eins: Die Nacht war die Hölle. Ich musste gefühlt alle 5 Minuten zur Toilette. Vielleicht waren es auch 15 oder 30, aber ich bin quasi zwischen Bett und Bad gependelt. Schlaf? Fehlanzeige. Pippi machen und Wasser trinken (damit die Schiene nicht verstopft) bestimmten mein Leben.
Und jetzt kommt der Teil mit dem Galgenhumor: Zum Glück hatte ich zu meinem 50. Geburtstag als Scherzgeschenk einen Klostuhl bekommen!
Unser Bad ist nämlich eine Etage tiefer. Wenn ich in dieser Nacht zehnmal die Treppe hätte runterlaufen müssen, hätte ich mir gleich unten ein Lager aufschlagen können. So aber... naja, man muss nehmen, was man hat.
Es war der Beginn einer langen Freundschaft mit dem Badezimmer.
Ein Lichtblick mit bitterem Beigeschmack
Nach der ersten OP und dem Einsetzen der Schiene dachte ich, jetzt kehrt etwas Ruhe ein. Pustekuchen. Der eigentliche Kampf fing gerade erst an – und zwar nicht nur gegen die Schmerzen, sondern auch gegen manche Ärzte.
Meine Hausarztpraxis besorgte mir zeitnah einen Termin bei einem Urologen vor Ort.
Der erste Eindruck? Eigentlich ganz gut. Er wirkte nett, checkte sofort, ob die Schiene richtig sitzt und gab Entwarnung: Die Niere war zum Glück nicht mehr gestaut. Ein kurzes Aufatmen. Aber natürlich gab es das obligatorische „Pröbchen Urin“ (das ist ein Muss bei jedem Urologenbesuch)– und das Ergebnis war so klar wie deprimierend: Infekt in der Blase. Also gab es erst einmal Antibiotika und eine Überweisung zur Isotopennephrographie, zu der ich in circa sechs Wochen gehen sollte, um zu sehen, wie die Niere arbeitet.
Die Diagnose: Rettung oder Risiko!
Dann sprachen wir über die Zukunft. Falls sich die Niere erholt und noch genug Funktion zeigt, stünde eine sogenannte Nierenbeckenplastik im Raum. Was im ersten Moment nach einer Lösung klang, traf mich wie ein Schlag in die Magengrube.
Ich wusste sofort: Das ist keine Kleinigkeit. Das ist eine riesige OP. Der Harnleiter wird neu verlegt, das geweitete Nierenbecken rekonstruiert – eine absolute Millimeterarbeit. Wenn da nur eine Kleinigkeit schiefgeht, ist die Niere weg. Komplikationen, Folge-OPs, das volle Programm. In meinem Kopf lief bereits der Film ab, wie ich am Ende an der Dialyse lande. Diese Gedanken machen dich einfach fertig.
Die Jagd nach dem Roboter
Ich konnte nicht einfach abwarten. Ich hing tagelang im Internet, habe recherchiert, gelesen und mich regelrecht festgebissen. Dabei stieß ich auf die „DaVinci“-Robotertechnik. Laparoskopisch, schonend, hochpräzise. Das war meine einzige Hoffnung.
Aber wer hat diesen Roboter? Wer beherrscht ihn wirklich? Wer macht das nicht nur einmal im Jahr, sondern hat die nötige Routine? Meine Gedanken kreisten nur noch um diese eine Frage. Ich musste die passende Klinik finden – koste es, was es wolle.
Und tatsächlich: Meine Suche sollte mich an einen ganz bestimmten Ort führen...
Zwischen sterilen Handschuhen und der Toilette
3. Februar 2025
Nach zwei Wochen dachte ich: „Komm, das geht schon wieder.“ Ich wollte zurück in meinen Alltag, zurück in den OP. Aber als OP-Schwester ist „Dienst nach Vorschrift“ ein Fremdwort – und mein Körper hat mir sehr schnell gezeigt, was er von diesem Wiedereinstieg hielt.
Der sterile Albtraum Es ist ein bizarrer Moment: Ich hatte mich gerade frisch für eine OP gewaschen, alles war steril, die Konzentration stieg. Und genau in diesem Moment meldete sich meine Blase. Schon wieder. Der Eingriff hatte noch nicht einmal begonnen, da hätte ich eigentlich schon wieder rennen können.
Ständig dieses Gefühl. Ständig der Druck. In den nächsten Tagen wurde es nicht besser. Ich verbrachte gefühlt mehr Zeit damit, schnell aus dem Saal zu flitzen und zur Toilette zu jagen, als am Instrumententisch zu stehen.
Kriechen statt Gehen Das schwere Heben, das ständige Laufen auf den harten Klinikfluren – mein Körper hat mir den Rest gegeben. Nach Feierabend war ich kein Mensch mehr. Ich bin förmlich zum Auto gekrochen, die Schmerzen im Rücken und in der Blase waren kaum noch auszuhalten. Zu Hause angekommen, zählte nur noch eins: Hinlegen und den Schmerz irgendwie wegatmen.

Wenn die Belastung zu groß war, kam die Quittung prompt: Der Urin war blutig. Ein Anblick, der jedes Mal aufs Neue Angst macht. Und als wäre das nicht genug, kam die nächste Hiobsbotschaft...
Der ewige Kreislauf Es dauerte nicht lange, bis die nächste Infektion in der Blase wütete. Wieder Antibiotika. Wieder diese Chemie, die mich eigentlich aufrecht halten sollte, während mein Körper innerlich rebellierte.
Ich fing an zu begreifen: So kann es nicht weitergehen. Doch die größte Hürde lag noch vor mir...
Zwischen Hoffen und Bangen
Die Jad nach Gewissheit
3. März 2025
Der Tag fühlte sich an wie ein Schicksalstag. Endlich stand die Nierenszintigraphie an – die Untersuchung, die über meine Zukunft entscheiden sollte. In meinem Kopf drehte sich alles nur um zwei Fragen: Ist eine Nierenbeckenplastik überhaupt noch möglich? Und wie viel Kraft steckt eigentlich noch in diesem Organ, das mir so viel Kummer bereitet?
2 Wochen im Gefühls-Vakuum
Was dann folgte, war eine Zerreißprobe für meine Nerven. Es hieß: Warten. Zwei Wochen lang, bis der Befund endlich eintrudeln sollte. In dieser Zeit war ich ein Wrack. Hoffnung und Zweifel gaben sich bei mir ständig die Klinke in die Hand. In der einen Minute war ich sicher, dass alles gut wird, in der nächsten sah ich mich schon im OP-Hemd für den schlimmsten Fall.


Der rettende Anker in Hamburg
Doch ich konnte nicht nur herumsitzen und warten. Mitten in diesem Gefühlschaos bekam ich einen Tipp, der sich wie ein Sechser im Lotto anfühlte: Ein Spezialist für die DaVinci-Roboter-OP in Hamburg. Jemand, der diese filigrane Technik wirklich beherrscht.
Ich fackelte nicht lange und schrieb ihm meine ganze Geschichte. Und dann die Überraschung: Er meldete sich zeitnah zurück! Er gab mir das Gefühl, kein „hoffnungsloser Fall“ zu sein. Er wollte die OP bei mir durchführen und sich persönlich um mich kümmern. Der Plan stand: Sobald die Ergebnisse der Szintigraphie da sind, gehen wir es an.
Ich hatte einen Profi an meiner Seite. Jetzt fehlte nur noch das „Go“ von meinen Nierenwerten. Aber das Schicksal hatte eigene Pläne...